NIETZSCHE, ORTLEPP, NAUMBURG UND SCHULPFORTE.
ERGÄNZUNGEN ZUR "ORTLEPPHYPOTHESE"

Hermann Josef Schmidt: Der alte Ortlepp war's wohl doch.
2., stark veränderte Auflage. 558 Seiten. Aschaffenburg 2004 (= Aufklärungen zu Nietzsche. Band 2).

Wo im Schillerjahr 2005 nach den Wirkungen gefragt wird, welche des Dichters Werk in der Literaturgeschichte gehabt hat, wäre immer auch an Ernst Ortlepp (1800 – 1864) zu erinnern. In seinen Schriften erscheint der Name Goethes wahrscheinlich häufiger als der Schillers, der kundige Leser aber wird schnell – vor allem in den Gedichten – Schiller als das große Vorbild erkennen. Wie Ortlepps Mühen um das Erscheinen des Idealen in der Menschheitsgeschichte erinnern auch seine Auffassung vom Amt des Dichters und das energische Ringen um sein Werk an die Haltung Schillers.

Ortlepp sagte – sicher nicht ohne Eitelkeit, aber ebenso gewiß nicht ohne Grund –, er wäre 1830 "der Erste" gewesen, "der der politischen Poesie wieder Bahn brach". Derart ausschließlich muß man nicht formulieren, aber wenn man die Geschichte der Vormärzliteratur überblickt, wird man sehr zurückhaltend widersprechen.

Der 1800 in Droyßig geborene Ortlepp erhielt seine Ausbildung an der Fürstenschule Schulpforte und dann an der Leipziger Universität. Nach Jahren intensiver und vielfältiger, immer wieder durch die Zensur gehemmter literarischer Arbeit kehrte er weitgehend mittellos in seine Heimatlandschaft zurück. 1853 war er aus Schwaben ausgewiesen worden, und für das gleiche Jahr weist das Buch, von dem hier gesprochen wird, seine erste Veröffentlichung in Naumburg nach (368f.). Das Gedicht "Am 15. Oktober" erschien an dem Tage, an welchem man den 58. Geburtstag des Königs beging und an dem in Naumburg der auf den Namen des Monarchen getaufte Friedrich Wilhelm Nietzsche seinen 9. Geburtstag feierte. Ernst Ortlepp starb 1864 in der Nähe der Fürstenschule, die Nietzsche im gleichen Jahr mit einem glänzenden Abiturzeugnis verließ. Dieses Jahrzehnt räumlicher Nähe sucht das vorliegende Buch aus seiner geistigen Substanz heraus darzustellen, wobei es vor allem um das geht, was aus ihm in Nietzsches Philosophie wirksam wurde.

Hermann Josef Schmidts Werk, von dem hier schon die Rede war1, wurde in seiner zweiten Auflage so stark erweitert, daß eine neue Besprechung geboten scheint. Das Buch – daran sei erinnert – ist in zwei Forschungsbereichen beheimatet: in der Nietzsche-Forschung und in der Ortlepp-Forschung. Daß der alte Dichter Ernst Ortlepp mit dem Abiturienten Friedrich Nietzsche gesprochen hat, wissen die Interessierten seit mehr als sechzig Jahren. Schon der erste Berichterstatter – Friedrich Würzbach – sah einen Zusammenhang zwischen dieser Bekanntschaft und der geistigen Entfernung des jungen Nietzsche aus der glaubensfesten Pfarrhaus-Welt. Denn im ebenfalls vor fast siebzig Jahren an die Öffentlichkeit gelangten zweiten Dokument dieser Bekanntschaft teilt ein Pfarrer und einstiger Mitschüler Nietzsches der Mutter des erkrankten Philosophen mit, Nietzsche und er hätten in den Schülerjahren gehört, wie Ortlepp in der Öffentlichkeit "dämonische" Lieder vorgetragen habe; "dämonisch" darf, ja muß man am Ende des 19. Jahrhunderts in jener von Christlichkeit geprägten Sprache als präzise Übersetzung von "teuflisch", "der Hölle zugehörig" lesen. Besagter Pfarrer referiert in zwei Prosasätzen eins dieser "dämonischen" Lieder, wobei sich der Sinn nicht nur in dem bei solchem "Übersetzen" unvermeidbaren Maße wandelt; da der Text des Liedes mittlerweile bekannt ist, darf man dem Pfarrer schon einen Verstoß gegen das achte Gebot vorwerfen.

Diese Fakten interessierten die Nietzschebiographen seit Würzbach in verschieden geringem Maße; einige haben sich gar nicht mit ihnen aufgehalten. So sucht man im Register der umfangreichen und verdienstvollen Nietzschebiographie von Curt Paul Janz vergebens nach dem Namen Ortlepps. Anders verfuhren etwa zur gleichen Zeit Werner Ross und Reiner Bohley. Ross ("Der ängstliche Adler") deutete vorsichtig auf Spuren der Bekanntschaft mit Ortlepp in Gedichten des jungen Nietzsche, während sich der Naumburger Theologe Bohley bemühte, Ortlepps Bild plastisch zu machen; es ist sein Verdienst, daß wir dem "unbekannten Pfarrer", welcher die Mutter des erkrankten Nietzsche zu trösten versuchte, den Namen Heinrich Wendts zuordnen können.

Einneue Qualität und eine dynamische "Aufhebung" mußten die Bemühungen um das Verständnis der letzten Lebensjahre Ortlepps erfahren, als sich der Dortmunder Philosophieprofessor Hermann Josef Schmidt den umfangreich überlieferten Schriften des jungen Nietzsche zuwandte, um in ihnen die Spuren des geistigen Werdens dieses Menschen aufzusuchen, dessen Werke eine Genese spiegeln, die nicht in der Zeit der Arbeit an der "Geburt der Tragödie" begonnen haben kann.

Bei seinen Recherchen entdeckte Schmidt in einem Album des jungen Nietzsche einen Zyklus aus Liebesgedichten, dessen Autor dort nicht eindeutig bezeichnet war. Der Forscher kam zu dem Schluß, daß die Gedichte nur Ortlepp geschrieben haben könne. Er stellte den Zyklus mit einer auf seiner Findung gegründeten Interpretation im letzten Band seines Nietzsche absconditus vor und forderte damit – neben anderen Wirkungen, die sich naturgemäß nicht so schnell zeigten – den Widerspruch eines Kollegen heraus, der den Autor der Gedichte in Nietzsches Mitschüler Georg Stoeckert gefunden zu haben meinte. Der Auseinandersetzung mit diesem Einspruch haben wir das vorliegende Buch zu verdanken. Es müßte hier wohl nicht vorgestellt werden, wenn es sich allein einem wissenschaftsinternen Streit widmete. Wir könnten uns mit dem Resümee begnügen, daß der Streit insofern nicht entschieden ist, als wir die Dichtung immer noch nicht mit letzter Sicherheit einem Autor zuordnen können, daß der Streit aber insofern entschieden ist, als von den Argumenten für die Autorschaft Stoeckerts keins mehr als einleuchtend angesehen werden kann. Das war auch aus der ersten Auflage zu erfahren.

Doch dort war schon mehr zu finden. Der Verfasser begnügte sich nicht mit dem sorgfältigen Vergleich der noch zugänglichen Handschriften, sondern er setzte seine profunde Kenntnis der Welt der alten Pforte ein, um die Voraussetzungen und Möglichkeiten eingehend darzulegen, denen ein anzunehmendes freundschaftliches Zusammenwirken zwischen dem alternden Dichter Ortlepp und dem werdenden Poeten und Philosophen Nietzsche begegnete. Vor allem diese Darstellung wurde in dem vorliegenden Buch vertieft und erweitert. Der Autor breitet umfangreich ein unter ähnlichen Aspekten noch nie betrachtetes – und teilweise noch gar nicht zur Kenntnis des interessierten Publikums gelangtes – Material aus. Die immer noch verbleibenden Lücken in seinem Bild sucht er durch die Entwicklung psychologisch und historisch gut gegründeter Annahmen zuschließen. Der Verfasser sieht Ortlepp nicht nur als den Schreiber des strittigen Manuskripts und Autor seines Textes, sondern auch als den Inspirator einer portenser Subkultur, deren Träger in vielleicht nicht ganz bewußter Opposition zur Obrigkeit oder doch zur Ordnung der kleinen Civitas standen. Schließlich legt er gute Gründe für die Annahme dar, der auf den Gebieten der klassischen Philologie sehr kundige Ortlepp habe Schülern bei der Überwindung kritischer Schulsituationen durch Nachhilfe und selbst durch das Verfassen schriftlicher Arbeiten geholfen. Schon in früheren Darstellungen konnte man lesen, daß der oft mittellose Ortlepp von den zum Teil gut situierten Schülern mit Kleidung versorgt worden sei; da wäre seine Unterstützung beim Mühen um die nächste Versetzung zu verstehen.

Ortlepps Einwirkungen auf das werdende Genie Nietzsche sind nach dieser Darstellung komplizierterer Natur, und sie reichen weiter. Mit der Vorsicht, welche dem schwierigen Stand der Überlieferung gerecht zu werden sucht, entwickelt der Verfasser seine These, es sei nicht auszuschließen, "daß Nietzsche schon früh (...) einer dionysischen Persönlichkeit begegnete, die Ernst Ortlepp gewesen sein könnte; und die er eher als jede andere mir als Kontaktperson Nietzsches bekannte Person gewesen sein müßte" (S. 288). Hier drängt sich gewiß die Frage auf, ob eine 'dionysische Persönlichkeit' nicht schon ein Widerspruch in sich sei; der Verfasser würde wahrscheinlich einwenden, daß Nietzsches Kategorien des "Dionysischen" und des "Apollinischen" nur als Tendenzen in den Erscheinungen der Lebenswirklichkeit begegnen können. Dennoch bleiben Schwierigkeiten, wenn man in einem wirklichen Menschen oder in einer poetischen Gestalt eine Verkörperung des Dionysischen sehen will. Es entsteht leicht eine einengende Sicht, die sowohl das philosophische Phänomen als auch die – erfundene oder reale – Gestalt verkleinert. Hermann Josef Schmidt stellte seine These schon im vierten Band von Nietzsche absconditus vor, "Verkörperung" wirkte damals noch wie eine ein wenig lockere Metapher, die nur Pedanten stören konnte. Jetzt aber erscheint der Vorgang ausgeweitet; Ortlepp begegnet uns auch im dritten der Dionysos-Dithyramben. Das herbe und strenge Gedicht, das in besonderem Maße an unsere Schwierigkeiten mit der Geschichte rührt, wird da zu einem autobiographischen Bericht, an dem zu vieles nicht stimmen kann. Natürlich gilt das auch für die Versuche anderer Interpreten, Richard Wagner oder Friedrich Hölderlin zum "Helden" zu machen; daß in der Mitte des Gedichts ein großes Hölderlinwort anzuklingen scheint, beweist nichts für derartige Deutungen.

Obgleich Schmidts "Ortlepphypothese" relativ jung ist, hat sie schon in der Literatur gewirkt. Dabei ist es leider auch zu dem bekannten Phänomen des oberflächlichen Nachschreibens gekommen, das ja manchmal schneller geht als das Lesen. Es ist wichtig, daß der Verfasser kritisch auf das Nietzschebuch Rüdiger Safranskis eingeht. Dieser Autor hantiert nicht nur wenig verantwortlich mit den Daten der Darstellung Schmidts, er setzt allen üblen Nachreden, mit denen Ortlepp bedacht wurde, eine seltsame Krone auf, indem er seinen Lesern – wenn auch sehr vorsichtig ("vielleicht sogar"2) – nahelegt, in dem alten Dichter einen Sexualstraftäter zu sehen, eine Vermutung, für welche es nicht den geringsten Grund gibt.

Schmidts "Ortlepphypothese" verdient hohe Schätzung ob der Wege, die sie in ein schwieriges Gebiet bahnt. Auf andere Weise – und mancher Leser wird hier den besonderen Wert des Buches sehen – fördert das gleiche Anliegen die dem Buch beigegebene Dokumentation, die mehr als zweihundert Seiten umfaßt und damit der ersten Auflage gegenüber den doppelten Umfang hat. Neben den bekannteren Dichtungen Ortlepps, die des Dichters Wegsuchungen außerhalb der offiziellen Kirche und teilweise im Widerspruch zu ihr dokumentieren, und Texten aus dem Umkreis der Portenser Schülerwelt findet der Leser bisher kaum zugängliche Gedichte, unter denen die für das "Naumburger Kreisblatt" von 1853 bis 1864 geschriebenen alle Chancen haben, als die eigentliche Sensation der Publikation bezeichnet zu werden.

Ortlepps Vorbild Schiller konnte die Rehabilitierung des Gelegenheitsgedichts durch Goethe nicht mehr erleben. Er hielt nicht viel von dieser Gedichtart; in seiner Bürger-Rezension charakterisiert er das Gelegenheitsgedicht als ein Gedicht, "dessen Entstehung und Bestimmung man es allenfalls verzeiht, wenn ihm die idealische Reinheit und Vollendung mangelt, die allein den guten Geschmack befriedigt"3. Ortlepp grenzt sein Werk in den dreißiger Jahren in ähnlichem Sinne gegen das Gelegenheitsgedicht ab4. Die Gedichte für das "Naumburger Kreisblatt" sind – wie noch einige andere jener Jahre – unstreitig Gelegenheitsgedichte, Arbeiten, mittels derer der Autor seinen Lebensunterhalt sicherer machen und seine Präsenz in der literarischen Öffentlichkeit verbessern konnte. Es wäre reizvoll, ausgehend von den Kriterien Goethes zu untersuchen, ob und in welchem Maße Ortlepp die Möglichkeiten des Genres nutzte.

Hier können die Gedichte nicht angemessen gewürdigt werden. Auf einen Effekt weist Schmidt hin: Von nun an kann niemand mehr die These vertreten, bei dem Ortlepp der letzten Jahre habe es sich um einen Menschen mit geminderter geistiger Tüchtigkeit gehandelt. Das bekräftigt der Verfasser auch durch die imponierenden Ergebnisse seiner Betrachtung leitender Themen und Motive der Sammlung (Vgl. etwa 194-215).

Die in dem Buch gestellte Frage, ob der Dichter in diesen Gedichten "aufging" (192), ist – wie für alle Gelegenheitsgedichte – nur auf den ersten Blick eindeutig negativ zu beantworten; neben der "Bestimmung" – um mit Schiller zu sprechen – ist da immer auch ein poetisches Arbeiten, das für oder gegen eine Künstlerpersönlichkeit spricht. Wer einmal versucht hat, die in einigen Ortlepp-Gedichten, welche nicht die unwichtigsten sind, redende Subjektivität zu beschreiben, erinnert sich schnell an Nietzsches Feststellung: "Ein Deutscher, der sich erdreisten wollte zu behaupten zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust" würde sich an der Wahrheit arg vergreifen, richtiger, hinter der Wahrheit um viele Seelen weit zurückbleiben."5

Rüdiger Ziemann
Langenroda


Anmerkungen:
1 Vgl. SACHSEN-ANHALT Heft 2/2001, S. 30f.
2 Rüdiger Safranski: Nietzsche. Biographie seines Denkens, 2000, S. 255.
3 Friedrich Schiller: Sämtliche Werke. Fünfter Band. München 1962, S. 983.
4 Manfred Neuhaus: Tatsachen und Mutmaßungen über Ernst Ortlepp. 2005, S. 41.
5 Friedrich Nietzsche: Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe. Fünfter Band, S.184.


Walter Weiίe, Herzschnόre, zu Ernst Ortlepp
Feder in Tusche, laviert