Hans-Joachim Richter (Leipzig / Zeitz)

Ortlepp in Schkölen
Ernst Ortlepp, ein gefürchtetes Genie?

Bericht über den Orlepp-Vortrag zum Schkoelener Denkmalstag


Roland Rittig bei seinem Vortrag am 10. September 2006
über Ernst Ortlepp (Foto: H.J. Richter)

Nie wollte es passen, mit Ortlepp, Schkölen und mir. Deshalb dominierte bei den Angeboten am Tag des offenen Denkmals der Vortrag über Ernst Ortlepp in der Wasserburg Schkölen, einem verschlafenen Örtchen zwischen Naumburg und Zeitz.

Die Schar der Interessenten aus Jena, Naumburg, Leipzig und anderswoher folgten gebannt dem illustren Vortrag des Literaturwissenschaftlers Roland Rittig aus Zeitz, der mit ausdrucksstarker Gestik und gelegentlichem hingebungsvollen Lächeln die unter die Haut gehenden Verse Ortlepps vortrug. Nur war das seiner Zeit so eine Sache mit dem Lächeln, wenn Ortlepp mit seiner Wahrheitssicht über Land, Leute, Kirche und Staat bei seinen Zuhörern den Atem zum Stocken brachte. Denn das war tief ernst, ja bedrohlich für alle Beteiligten. Denken ja, aber aussprechen und kunstvoll auf den Punkt gebracht veröffentlichen, war mehr als riskant. Auf Ortlepps "Fieschi" reagierte Fürst Metternich persönlich mit dem Verbot seiner Schriften.

Unter seinesgleichen feierte man ihn zwar in Leipzig, wo er auch Richard Wagner und vermutlich Chr. D. Grabbe kennen lernte, als hochkarätigen politischen Poeten, dessen Werke den Geist der Epoche spiegeln, was auch den jungen F. Nietzsche beeindruckte. Nur die Wucht der Verbote traf ihn wie wenige. In einem mit Zensur zugeschnürtem Land war es nur verdeckt möglich, neue Gedanken zu publizieren. Aus Sachsen verjagt, hatte er in Stuttgart trotzdem eine schaffensreiche Zeit, übersetzte Shakespeare und Byron oder bearbeitete beispielsweise die unverfänglichen Schillerlieder und mogelte eigene, kritische Poesie darunter.

Mit 56 Jahren erwarb er an der Universität Halle das Philologenexamen, um den Lehranforderungen der Landesschule in Pforta zu genügen. So hätte sich sein Lebenskreis im geliebten Pforta schließen können, wo er mit zwölf Jahren als Orgel spielender Schüler begann.

Er wurde abgelehnt und geriet, beinahe folgerichtig, ins Abseits, in Einsamkeit, permanente Geldnöte und allein dem Wort vertrauend gegen den Rest der Welt.

Von Zeitz aus, wo er zweimal in der Korrektionsanstalt arrestiert war, verkaufte er bis zuletzt Einblattdrucke, um überleben zu können. Am 4.Juli 1864 wurde er nahe Pforta in einem Graben tot aufgefunden.

In der herbstsommerlichen Idylle um das alte malerische Pfarrhaus der Ortlepps mit einer Bank von 1830 davor, auf der E. Ortlepp gesessen haben mag, dem seit ewig unverändert scheinenden Garten am Hang hinter dem Haus mit unvergleichlich schmeckenden Pfirsichen, steinerner Treppe und Mauern, durch die eine Tür zu Friedhof und Kirche führt, spürt man die Stimmung, die Enge jener Zeit, die Ortlepp nicht hold war. Man fühlt die Tragik der Reduzierung der Möglichkeiten einer sprachlichen, musikalischen und dichterischen Begabung durch gnadenlose Zwänge der Umstände.

Eine Gesellschaft bemüht sich seit dem Jahre 2000 um den fast vergessenen bedeutenden Dichter Ernst Ortlepp und sein Lebenswerk und kann laufend mit z.T. spektakulären Entdeckungen aufwarten.

Nach diesem besonderen Erlebnis mit E. Ortlepp war es meinem Begleiter und mir unmöglich, auf ein anderes offenes Denkmal umzuschalten. So ließen wir den gehaltvollen Tag im Garten meines Begleiters mit einem soeben geschenkt bekommenen Kloster Pfortaer Portugieser 2004 ausklingen.

September 2006


Alte Postkartenansicht von Schkölen