Ernst Ortlepp über Mendelssohn-Batholdy

Inge Buggenthin (Hollenstedt)

 

Auf der Suche nach Texten des Dichters, Übersetzers und Redakteurs Ernst August Ortlepp (1800 - 1864) aus Schkölen bei Naumburg/ Thüringen stößt man hin und wieder auf Almanache, Kalender, Lexika und andere Periodika des 19. Jahrhunderts, in denen an versteckter Stelle Texte oder Gedichte von Ernst Ortlepp auftauchen. Die nicht namentlich gekennzeichneten Werke werden wohl für immer verloren sein, jedoch gibt es auch signierte Exponate. Zu diesen Glücksfunden gehört auch ein Text aus der "Chronik der gebildeten Welt" für 1837 über den Musiker Mendelssohn-Bartholdy. Dieser Essay von 2 Seiten ist mit Sicherheit von Ernst Ortlepp zum Druck gegeben worden, denn erstens passt er inhaltlich und stilistisch sehr gut in Ortlepps auch andernorts bezeugte musikalische Betrachtungen und zweitens ist er mit E. O. gezeichnet. Auf Seite 419 – 420 des Jahrgangs 1837 der "Chronik ..." finden wir einen Stahlstich von Mendelssohn und lesen:

Mendelssohn-Bartholdy
(zu seinem Bilde)

(419) Es war ein herrlicher Sommernachmittag – man hatte in einem Gartenconcerte Beethovens jugendfrische F-dur-Symphonie aufgeführt – es erfolgte eine Pause – ich lustwandelte träumerisch in den blühenden Gängen, als mich auf einmal ein zartes, geisterhaftes musikalisches Geflüster aus meinen Phantasien weckte, oder vielmehr in noch tiefere versenkte. Johanniswürmchen gaukelten wie die Geister abgeschiedener Seelen durch die Gebüsche – es ging wie eine eigene Romantik auf – ich befand mich in einer Elfen- und Feenwelt und schaute Oberon und Titania über den Bäumen thronend – ich fürchtete die Nähe des Publikums und blieb daher fern und einsam in einer Laube, auf deren Bank ich mich niedersetzte, bis die geisterhafte Musik wie ein schöner Traum vorüber war. Ich hatte einen  S o m m e r n a c h t s t r a u m  geträumt, und der Sommernachtstraum war von Shakespeare, und M e n d e l s o h n-B a r t h o l d y hatte den Sommernachtstraum in Musik gesetzt.

Es rührte mich recht widrig, als ich unter die Kenner gerieth, und diese mich mit hochweiser Miene versicherten, mein Traum habe aus bloßen Fragmenten bestanden, und sey ein formloses Unding gewesen. Ich wußte doch, er hatte so viel Einheit, und jener Mendelsohn war ein so großer Meister.

Ein andermal hatte ich die Caprice, in den Concertsaal meinen Liebling O s s i a n zu lesen. Während Rossini´s ohrenklingenden Passagen weidete ich mich an Trenmors und Cuchullins Heldenthaten – da erklingen auf einmal eigene Töne, ich sehe die Fingalshöhle und den greisen Barden O s s i a n – in Nebel und Wolken erschienen mir die (420) Scheemen der abgeschiedenen Helden – ein Sturm braus´t über die Haide daher – das Mondlicht drängt sich aus den dunkelschwarzen Wolken hervor – ich erblicke auf dem hervorragenden Felsen das Mädchen mit der Harfe, die sehnsüchtig ihren Geliebten ruft, und sehe, wie sie die weißen Arme ringt – genug, ich weiß nicht mehr, ob ich den Ossian lese oder höre, aber das weiß ich, daß ich auf Momente in seinen Tagen lebe, bis die Ouverture zu der Fingalshöhe verklingt.

Göthe´s Gedicht "Meeresstille und glückliche Fahrt" können nur deutsche Barbaren nicht auswendig. Es war mir von jeher eine herrliche Musik. Ich konnte mir eigentlich keine andere denken als die Beethovensche. Aber ein Meister schuf noch eine andere – er machte jedes Wort des Gedichts zu Musik.

Als Kind hatte ich einmal das Mährchen von der schönen Melusina gelesen und dann nie wieder. Man vergisst solche Sachen, ob sie gleich auf allen Jahrmärkten angeboten werden. Es wäre gut, wenn ein Prolog vor Mendelsohns Ouvertüre gesprochen würde, die etwas malt, was die Meisten nicht im Gedächtniß haben. Ich besann mich auf das Mährchen der Kindheit wie auf einen längst gehabten Traum, als ich das Werk hörte, dessen durchgehende zauberische Anfangsfigur sich schon für ewig der Seele einprägt. Und ich sollte nun noch Mendelsohn loben? Das wird man mir wohl gern erlassen.

E. O.


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