Merkur: Mittheilungen aus den Vorräthen der Heimath
und der Fremde für Wissenschaft, Kunst und Leben

 

Entnommen mit freundlicher Genehmigung des Autors aus Manfred Neuhaus:
"Das Dichten ist nur Spielerei"
Books on Demand GmbH, Norderstedt 2008, S. 141-143

 

Titelseite

Sonnabend      Nr. 53      2. Mai 1829

 

Meine Braut.

 

Einstmals gieng ich im Abendschein
Tief in mich selbst verloren,
Da tönte aus dem nahen Hain
Ein Lied mir in die Ohren,
Es klang so süß, es klang so schön,
Hätt' mögen schier vor Lust vergehn.

 

Schnell flog ich nach den Büschen zu,
Da hört' ich Harfentöne,
Bald sah ich sie in sel'ger Ruh'
Die hingegoß'ne Schöne,
Die zu der Saiten Silberklang
Die seelenvollen Lieder sang.

 

Ein rabenschwarzes Lockenhaar
Floß über ihren Busen,
Und in dem Auge blitzte klar
Der Feuergeist der Musen;
Sie war vom Kopfe bis zum Fuß
Ein Mädchen, das man küssen muß.

 

Zu Feuer wurde mir das Blut,
Ich sprach mit warmem Tone:
»Du Himmelskind, ich bin dir gut,
Du bist der Weiber Krone!
O sage mir, ach sag'mir an,
Ob ich der Deine werden kann?«

 

»Ist's nicht ein flüchtiges Gefühl,«
Versetzte sie mit Lächeln,
»Das dich bewegt, nicht Launenspiel
So leicht wie Zephyr's Fächeln;
Dann, Jüngling, kommt vielleicht ein Tag,
Wo ich die Deine werden rnag!«

 

»Es hat schon eine große Zahl
Um meine Gunst geworben,
Doch sind sie drum fast allzumal
Vergangen und gestorben;
Drum überlege dir's bei Zeit,
Daß deine Liebe dich nicht reut!«

 

»Willst du mich haben, ist die Bahn
Zu mir voll saurer Tritte,
Bald geht's bergab, bald geht's bergan,
Bald durch des Stromes Mitte,
Bald musst du in ein Labyrinth,
Bald durch Gewitter, bald durch Wind.«

 

»Doch werd' ich immer unsichtbar
Dich überall umschweben,
Und dich in jeglicher Gefahr
Mit Wunderkraft beleben;
Und bleibst du bis zuletzt mir treu,
So lacht dir einst ein ew'ger Mai.«

 

»Da tret' ich dir gar schön geschmückt
Mit frohem Gruß entgegen,
Dein Haupt wirst du dann hochentzückt
An meinen Busen legen;
Dann drück' ich einen Kranz darauf,
Und fliege hoch mit dir hinauf.

 

Denn von der Erde bin ich nicht,
Ich stamm' aus Himmelshöhen,
Wo durch der Palmen Zitterlicht
Stets Harfentöne wehen, –
Ich bin die Göttin Poesie!«
So sprach sie und – dahin war sie.

 

Die Harfe ließ sie mir zurück;
Ich griff in ihre Saiten,
Sie klang wie Gold, und wie zu Glück,
So stimmte sie zu Leiden;
Mit ihr durchzog ich nun die Welt,
Sang, was mich schmerzt, was mir gefällt.

 

Durch Sturm und Wetter zog ich 'hin,
So wie durch Blüthenauen;
Bringt sie auch kärglichen Gewinn,
Der Göttin will ich trauen,
Und sollt' ich drüber untergehn;
Das Mädchen war ja gar zu schön!

 

Auch schwebt sie oft bei mir in Noth
Und lispelt süße Worte;
Drum lieb' ich sie bis in den Tod;
Denn durch die Grabespforte
Führt sie mich einst in eine Schaar,
Der ewig Lorbeer grünt um's Haar.

 

Ortlepp.